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Lebenslinien

Ich habe Kraft! - eine befreiende Aussage eines 11-jähri-
gen, nachdem er in Gesprächen mit mir und seiner Mutter erkannt hatte, was er braucht: seine Kraft zu spüren, um auch in der Schule konzentriert sein zu können, wie z.B. auch im Rangeln mit seinem Vater.


Welch hohen Stellenwert die Beziehung für Kinder zu Ihren Eltern und besonders für ADHS-Kinder hat, erlebe ich deutlich in den Gesprächen in meiner Praxis. In dem Film „Wo die starken Kerle wohnen“ (zu googeln unter: www.zdf.de/Wo-die-starken-Kerle-wohnen) wird gezeigt, wie elf Jungs in Begleitung von drei Erwachsenen auf einer Berghütte für zwei Monate einen heilsamen Umgang miteinander erleben ohne medikamentöse Unterstützung. (Dieses Projekt wurde von Prof.Dr.Gerald Hüther betreut).
Wie war so was möglich? Für die Jungs waren die Monate spannendes Leben, weil sie dauernd herausgefordert wurden, mit den anderen zusammen gut für ihr Leben zu sorgen. Dadurch wurden Kräfte mobilisiert, die in unserer überbehüteten Konsumgesellschaft permanent kaputt gemacht werden.

Auf dem Berg haben alle Beteiligten ständig neu entdeckt, welche Fähigkeiten in dieser besonderen Situation ihnen zur Verfügung stehen – unter anderem lernten sie Konflikte und Ängste direkt miteinander auszutragen. Das macht stark und lockt neben den vitalen auch intellektuelle Fähigkeiten hervor im Unterschied zum stundenlangen Sitzen vorm Computer.

Durch den gehäuften Konsum scheint die Unmittelbarkeit zwischen Eltern und Kindern in vielen Familien verloren gegangen zu sein. Wer lebensfrohe Kinder will und keine leblosen Wesen, muß selbst als Erwachsener sich dieser Herausforderung stellen, seine Gefühle zuzulassen und auch Konfrontationen und Schwäche zu leben, wie es die Kinder und ihre Betreuer auf der Berghütte erfahren haben.

Über dieses wichtige Bedürfnis nach Beachtung hat Wolf Büntig ausführlich geschrieben in dem Artikel: „das Bedürfnis nach Beachtung“ (www.ZIST.de).

An einem warmen Sommerabend passierte mir etwas Seltsames. Ich fuhr über die Mainbrücke von Kleinheubach und sah wie zwei Jungs gefährlich auf dem Geländer balancierten. Innerlich haben sie mich erreicht. Äußerlich war ich noch im Auto-Fahren gefangen, daß ich nicht spontan reagiert habe, wie ich es mir im Nachhinein vorstellte. Im ersten Moment war ich ängstlich und besorgt und ich hätte anhalten wollen und ihnen sagen, das ist gefährlich! Wie wäre es gewesen, wenn ich Folgendes gesagt hätte: Ihr seid mutig! Ihr traut euch was. Wie kommts, daß ihr das wagt, auf dem Brückengeländer zu balancieren. Wie hätten die Jungs reagiert?

Wenn Jugendliche zu sehr im Konsum gefangen sind, sind sie gefährdet, extreme Situationen zu suchen, weil sie ihre Kraft erleben wollen. Manchmal ist das ein jahrelang ungestillter Hunger. Die elf Jungs auf der Hütte waren geschützter vor der Suche nach extremen Situationen, weil sie in diesen Monaten täglich gefordert wurden in ihrer Kraft und ihrem Mut und ihrer Angst. Wo geben wir den Kindern mehr, wenn wir sie fordern oder wenn wir ihnen Ritalin geben?
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